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Auswanderer-Report /
Drei Angestellte und ein Brautpaar
Drei Angestellte und ein Brautpaar29.1.2007 Nach langer Zeit habe ich heute mal wieder auf Eure Website und in den „Auswandererreport“ geschaut, den Simone und Jürgen so klasse designt haben, und erschrocken festgestellt, dass ich schon seit über einem Jahr nichts mehr von mir hören liess. Wie ich sehe, seid Ihr ja nach wie vor sehr rührig – aber wann macht Ihr denn endlich mal einen Stammtisch hier in Mahajanga? Oder einen Betriebsausflug mit einem ungewöhnlichen Verkehrsmittel (Piroge, Pousse-Pousse, Zebukarren)?
![]() Pousse-Pousse werden die madagassischen Rikschas genannt, auf denen nahezu alles Bewegliche transportiert wird Inzwischen haben wir auch schon Bildmaterial an eine grosse amerikanische Nachrichtenagentur geschickt – über eine Bioenergie-Konferenz, die im Oktober in Tana stattfand, und über eine winzige Insel, auf der sich die Vorfahren der Madagassen – die Antalaotra – einst niederliessen, die in grossen Segelbooten von Persien über Ostafrika hierher kamen. Ähnliche Pirogen – die „Lakanas“ – werden heute noch von den hiesigen Fischern benutzt, aber auch von einer „Vazaha“ (so nennt man hier die weisshäutigen Ausländer) aus Hamburg, die mit ihrem Kamerateam damit u.a. zu eben dieser Insel segelte...
![]() Ey-Freiberufler Moandjée – jetzt Elfis Kameramann Entsprechend brauche ich nun unbedingt noch ein paar Geräte – gerade habe ich mir einen schnellen Laptop mit hochauflösendem Bildschirm (Toshiba) für den Videoschnitt gegönnt, irgendwann dann eine zweite Kamera, einen Audiokompressor und und und ... (die Wunschliste lässt sich endlos lange fortsetzen). Unter anderem auch einen schönen wetterfesten Tisch mit Stühlen zum Draussenarbeiten und -essen und eine Hängematte, auch wenn ich wahrscheinlich nie dazu komme, mich selber da reinzulegen – aber alles immer schön der Reihe nach... Mit meinem Prinzip „... und immer den Ball schön flach halten“ bin ich bislang ganz gut gefahren. Ein grosses Pirogensegel habe ich schon anfertigen lassen, unter dem ich dann gemütlich in einem Bambussessel im Hinterhof meine Videos schneiden, morgens schön luftig frühstücken und abends mit Gästen sitzen werde. Im Salon ist es ziemlich stickig abends, und trotz Komplettausstattung aller Fenster und Türne, sogar der Veranda, mit Moskitonetzen, verirrt sich doch so manches dieser Plagegeister auf mein Sofa, wenn ich da abends entspannt liegen will.
![]() Rush hour in Mahajanga In diesem Jahr sind allerdings eher die Wahlen an den mageren Verkäufen schuld – ich hätte nie gedacht, dass sich Monate lang vor der Wahl am 3. Dezember kaum ein Kunde blicken lässt! Die hatten alle Angst, es gäbe wieder eine Krise und haben ihre Groschen zusammengehalten. Schon am Tag nach der Wahl hatten wir wieder Besuch von einem Kunden – auch wenn der sich nur informieren wollte.
Auf den Solarsystemen sind inklusive der 18 % Mehrwertsteuer fast 40-50 % Steuer drauf – damit sind sie für Otto Normalverbraucher hier viel zu teuer. Zwar wird ständig davon geredet, dass man in Madagaskar auf die Erneuerbaren Energien setzen wolle, aber nachdem auf der grossen Bioenergiekonferenz im Oktober kein einziger der drei betroffenen Minister (Energie, Umwelt und Landwirtschaft) persönlich anwesend war und auf der Halbinsel Katsepy (gegenüber Mahajanga) schon die Briten eingetroffen sind, um demnächst mit vereinten Kräften mit den Amis (EXXON) hier vor Mahajanga nach Erdöl zu bohren, ahnt man schon, wohin der Hase läuft: Man hofft hier, binnen kürzester Zeit ganz schnell ganz reich zu werden mit dem Erdöl, und dann kann man (so glaubt man jedenfalls) unheimlich billig unheimlich viele Megawatts produzieren – mit Benzin- und Dieselgeneratoren.
![]() Die Weite der Mangrovenlandschaft Und im Moment habe ich einfach keine Lust mehr, jedesmal Stunden lang zu erklären, warum das nicht geht. Also produziere ich halt Videos – das macht erstens unheimlich viel Spass und gibt einem zweitens das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Viele Cutterkollegen und -kolleginnen in Good Old Germany würden sich die Finger ablecken nach Dokus und Promotionvideos dieser Art: Mit der Piroge oder dem Geländewagen in die „Brousse“ (Pampa) fahren und irgendwo mitten im Busch Leute interviewen oder nachts ohne Lampe (das ist in bestimmten Regionen „fady“ – verboten !) mit der Kameraausrüstung einen Steilhang hochklettern. Für diese Regenzeit habe ich mich diesmal dank Eurer Ratschläge gut gewappnet und mir vorsorglich ein paar Kilos angefuttert (vielen Dank für die guten Zunehmtipps noch im Nachhinein – ich habe sie alle mit Erfolg ausprobiert!) – die werden bei der schwülen Hitze nämlich regelrecht weggespült. Ausgerechnet an Weihnachten suchte uns ein Zyklon heim – mir hat er das Garandach zur Hälfte weggefetzt, der Rest wurde von der Solaranlage gehalten… Auf dieser lagen diverse 3 Meter lange Holzbalken, die das Wellblech vam Eingang abgestützt hatten. Als alte Seefrau bin ich nachts mehrmals raus und habe die klappernden Bleche (nicht ungefährlich) mit der Wäscheleine beigebändelst – einfach, aber wirkungsvoll.
![]() Eis geht immer ...! In der Stadt waren sämtliche Werbeschilder umgeweht und viele Bäume entwurzelt. Aber glücklicherweise war dieser Orkan mit „nur“ 150-175 km/Std. nicht so heftig wie die beiden Zyklone Evita und Gafilo 2004. Auch diverse Hausbewohner haben sich bereits wieder eingefunden: riesengrosse Kakerlaken (iiiih – ich bekomme auch nach drei Jahren immer noch eine Gänsehaut, wenn ich die sehe – es gibt sogar welche, die bewegen sich DREIDIMENSIONAL – mein absoluter Alptraum !!!). Mein Badezimmer teile ich seit ein paar Tagen mit einer Handteller grossen Spinne und ihrer Tochter (so lange sie mich beim Duschen nicht belästigen, dürfen sie da wohnen bleiben). Und dann sind da noch winzige Ameisen, die im letzten Jahr einem meiner Laptops einen irreparablen Kurzschluss im Motherboard verursacht haben hatten und mich daher in höchste Alarmbereitschaft versetzen, sobald ich sie in meinem Büro orte. Ein Grund, alle unbenutzten Computeröffnungen mit Tesafilm zuzukleben. Dafür brauchen wir jetzt nicht mehr zu giessen: Jede zweite Nacht bricht ein heftiges Tropengewitter über uns herein, und ich wache immer von dem wolkenbruchartigen Regen auf, der so urplötzlich auf uns herunterprasselt, als hätte Petrus ganz schnell sämtliche Himmelsschleusen geöffnet.
![]() Tsy Kivy hat sich ganz schön rausgemacht! Jao hatte ich ursprünglich als Hausangestellten eingestellt – zum Kochen, Putzen, Gärtnern usw. – bis sich bei einem Gespräch herausstellte, dass es seit seinem 12. Lebensjahr sein Traum ist, Elektriker zu werden. Also hatte ich ihm eine achtmonatige Berufsausbildung zum Elektriker finanziert. Ausserdem ist er ein absolut begnadeter Koch – er hat vorher in einer Pizzeria und anderen Restaurants gearbeitet und würzt nicht nur hervorragend, sondern richtet alles auch so an, dass es ein wahrer Augenschmaus ist. Inzwischen ist er auch ein begeisterter Fahrer und ist überhaupt ein Allroundtalent, da er nicht Probleme, sondern Lösungen sucht und immer auch findet.
![]() Die Moschee in Mahajanga Die Tonaufnahmen mache ich inzwischen hier im Haus – habe festgestellt, dass unser kombinierter Lagerraum/Gästezimmer sich hervorragend dafür eignet: Er ist recht klein und die Akustik ist dank der mit Kartons volltgestopften Regale, der davor hängenden Bastrollos und dem grossen Bett schön gedämpft – wir müssen nur die Fensterläden zumachen und pausieren, wenn die Hunde bellen, ansonsten optimal. Inzwischen muss ich den Ball nicht mehr ganz so flach halten und kann mir ab und zu auch mal was leisten: Zum Beispiel am Sonntag ins feine „Piscine“-Hotel schwimmen gehen – 50m-Bahn, äusserst angenehm temperiert, gereinigtes Meerwasser, absolut kein Chlorgeruch. Da frische ich meine Bräune auf und schwimme meine 20 Bahnen ab – ja, da staunt Ihr, was ? Oma ist noch ganz schön in Form! (Zumindest dem Alter nach könnte ich hier locker Oma sein – ganz schön erschreckend...). Neulich probierte ich einen hiesigen Schwimmverein aus – muss allerdings gestehen, dass ich nach 1 km Brustschwimmen in mittlerem Tempo, 200 m Kraulübungen mit den Füssen (mit den Händen auf einem Plastikbrett), weiteren 200 m Brust mit den Armen, Kraul mit den Füssen, 300 m Brustschwimmen „mit 80 % Leistung“ und gestoppten 50 m fast untergegangen wäre. Leider haben sie keine Seniorenklasse, und so musste ich neben (oder besser hinter) ein paar 12-15jährigen herschwimmen, die für Wettkämpfe trainierten... Hin und wieder fahre ich mit den Hunden an den Strand zum Gassigehen. Das funktioniert völlig stressfrei – ohne Leine: Hintere Transportertür auf, Hunde rein. Die stellen sich – begeistert mit dem Schwanz wedelnd – in Männchenhaltung entweder an die Trennwand zur Fahrerkabine oder ans hintere Fenster und scheinen die Ausfahrt sehr zu geniessen.
![]() Glücklich verheiratet: Jao und Tatamo Zu essen gibt es bei uns fast ausschliesslich solar Gekochtes: z.B. Auberginenauflauf aus dem Boxkocher (mit madagassischem Zebukäse überbacken), und zum Geburtstag seiner Frau Tatamo zauberte Jao einen Erdnussstrudel zum Nachmittagskaffee. Übrigens hat MADASOLEIL seit einigen Wochen endlich eine Website – mit vielen Fotos: www.madasoleil.com – zunächst nur in Französisch, Englisch soll (auf neudeutsch) „zeitnah“ folgen. Seit Jao den Führerschein hat, entlastet er mich wirklich sehr, indem er all die kleinen Erledigungen in der Stadt macht, die mich vorher so viel Zeit gekostet hatten. Da er liebend gern Auto fährt, muss ich nicht so ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich ihm elektrotechnisch zurzeit nicht so viel „bieten“ kann. Seit letztem Freitag sind meine beiden – Jao und Tatamo – übrigens endlich verheiratet. Es war ein rauschendes Fest mit 50 Hochzeitsgästen, und die Kirchengemeinde verwöhnte uns fünf Stunden lang mit madagassischen Gospels und knackigen Reden. Am meisten beeindruckt hat mich das Ritual beim Anschneiden des Hochzeitskuchens. Organisatorisch und logistisch war das Ganze eine reife Leistung: Jao wirkelte eine Woche lang in der Stadt herum und besorgte noch einen Tag vor dem grossen Tag Brautstrauss und -krone, während Tatamos Freundin die langen Ärmel des geliehenen Brautkleides elegant umarbeitete. Zusammen mit seinen Freunden räumte er in 2 Stunden meinen Salon aus, Tische, Bänke und Stühle für 50 Leute rein und gleich nach der Feier alles wieder retour.
![]() Lecker, was? - Aber nicht in die Tastatur sabbern! So – ich muss noch an den Vorbereitungen für eine zweite Talkshowserie mit 8 Jugendlichen zum Thema AIDS für die gtz in Kooperation mit einem lokalen Privatfernsehsender weitermachen. Die erste Serie – mit 12 Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren ist super angekommen – die Zuschauer sind hier (im Gegensatz zu Europa) geradezu ausgehungert nach Informationen, auf die sie ansonsten keinen Zugriff haben. Das merken wir auch immer bei unseren Infoveranstaltungen: „Darf ich das behalten?“ fragen hier die meisten, wenn wir ihnen einen einfachen, schwarz-weissen PC-Ausdruck oder eine Kostenvergleichstabelle zur Information (Solarsystem / Benzingenerator oder Solarkocher / Gas / Holzkohle) in die Hand drücken. Auch davon kann man in Good Old Germany nur träumen – da wehrt jeder gleich ab, wenn man ihm NOCH EIN PAPIER aufdrängen will… So – für heute soll’s erstmal genug sein! Seid alle miteinander herzlich gegrüsst von Eurer Elfi aus dem von der Sonne verwöhnten Mahajanga | ||||||||||||
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©2009, Jetztwerk | ||||||||||||
Kommentare: [1]
Danke
Liebe Elfi,

wir haben uns hier leider nicht kennen gelernt, aber ich verfolge immer mit allergroesstem Interesse deinen Werdegang im fernen Madagaskar und wollte mich bedanken, dass du uns an deinen Erlebnissen teilhaben laesst! Du beschreibst alles so anschaulich, dass ich hier ganz gebannt vor meinem Rechner sitze und *solches* Fernweh bekomme!
Im Juni ist mein Mann fertig mit seinem Medizinstudium und wir spielen auch mit dem Gedanken, ueber kurz oder lang auszuwandern. Ein paar Monate in Nigeria hat er waehrend seines Studiums auch schon verbracht. Madagaskar reizt mich sehr!
Wer weiss, vielleicht lernen wir uns ja dort einmal kennen
Liebe Gruesse aus dem kuehlen Norden und weiterhin alles Gute (toll, das mit dem Filmen!!!),
Antje
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Antje Ritter | das korrektiv
Texte | Lektorat | Übersetzungen
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