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Motivierende Arbeit und neue Liebe

26. 8. 2004

Ihr Lieben alle...

Nach einem halben Jahr Madagaskar wird es Zeit, dass ich mal was hören bzw. lesen lasse:
Vorab: Mir geht es prima – man gewöhnt sich daran, dass hier alles etwas langsamer läuft als geplant, dass es mehr Geld kostet als geplant und dass dies ein Land ist, in dem man erstens Ausländer ist und zweitens nicht die Rechtssicherheit hat wie in Deutschland. Aber so lange die aktuelle Regierung an der Macht bleibt (ist sie erst seit 2 Jahren...) und nicht gleich eine Revolution stattfindet, lebt es sich ganz prima hier.

Vor allem die Menschen hier und das traumhafte Wetter tun der Seele gut: Keiner regt sich auf, wenn einer mal einen Fehler im Strassenverkehr macht – man strahlt sich gegenseitig an und winkt. Dieses entspannte Verhalten habe ich in 50 Jahren Deutschland nie erlebt...

Die Leute sind irgendwie immer gut gelaunt und optimistisch, lachen und singen viel, grüßen freundlich, selbst wenn sie einen nicht kennen, und sind immer auf Ausgleich bedacht. Offenbar gehören wir zu den wenigen Nationen, die knallhart "Nein" sagen.

An die Risiken darf man einfach nicht denken – wenn manchmal Befürchtungen hochkommen, ob ich hier wohl langfristig bleiben kann und nicht eines Tages von neuen Machthabern rausgeworfen werde und meine Habe konfisziert wird, denke ich einfach an Deutschland und an die letzten beiden Jahre, dann gehen diese Gedanken sofort weg...

Mit der Solartechnik läuft es leider etwas langsamer an als geplant, da ich ja unbedingt "solutions gasy" – also lokale Lösungen – entwickeln will. Aber zumindest läuft die grosse Anlage mit 6 x 70W, die mein Videostudio/Büro komplett solar versorgt, einwandfrei, und die Kombination aus Kompressorkühlschrank (12/24/220 V) plus 1x 60W-Modul und Solarbatterie haben wir endlich auf 5 Tage Kühlung "hochgetrimmt" (durch die waghalsige Konstruktion eines von meinem Techniker entwickelten Nachführsystems).

Da wir jetzt endlich die mitgebrachte Solaranlage für Wohnmobile auf den Transporter montieren wollen – ich will damit in die Pampa fahren und Informationsfilme über Solartechnik per solar versorgtem VHS + TV vorführen und den Wagen auch Hilfsorganisationen anbieten – wird sich der Kühlschrank wohl an das eine Panel gewöhnen müssen.

Mein Techniker ist fleissig am "Minipanels" zusammenlöten – amorphes
3V-Panel für kleine Radios und zum Aufladen von Walkman- usw.-Batterien und 6V-Panel für Geräte mit 6V Eingangsspannung.

Angeregt durch meinen Wunsch, lokale Lösungen zu entwickeln, hat er mit einer vorhandenen 20W-Halogenlampe, die eine Batterie hat, eine Kombination mit dem 6V-Panel ausgetüftelt (Diode in die Lampe rein und eine zweite aufladbare Batterie), die leuchtet jetzt 8 Stunden lang nach dem Aufladen des Panels.

Zurzeit testen wir alles ausgiebig, damit wir nichts Falsches versprechen, und ich habe endlich die Preisliste fertig. Jetzt weiss ich auch, warum unser Vertrieb dabei immer so gejammert hat – kaum hat man sie fertig, muss irgendwo noch ein Transistor rein, und schon muss man alle Preise neu berechnen, echt ätzend ! Diesen Kalkulationskram würde ich gern abgeben, aber leider ist es ja mein Geld, was ich riskiere.

Da ich mit der Solartechnik noch kein Geld verdiene (ich hoffe, es geht jetzt bald endlich mal los mit dem Verkaufen!), aber meinen Techniker und die ganzen Investitionen hier – Werkstatteinrichtung, Material usw. – bezahlen musste bzw. muss, bin ich sehr froh, dass mich meine madagassischen Freunde gleich für einen Lehrauftrag an der hiesigen Journalistenschule weiterempfohlen haben. Dort unterrichte ich so etwa zweimal zwei bis vier Stunden pro Woche – na was wohl? – audiovisuelle Inhalte ! Die Schulungen laufen mir ja echt nach...

Das macht sehr viel Spass – eine kleine Klasse mit 6 Leuten, eine grosse mit 12 – weil im Gegensatz zu den verwöhnten und technisch extrem anspruchsvollen Computerkids zuhause die Studenten hier heilfroh sind, wenn sie mal ein Gerät in die Finger bekommen. Ich musste den Unterricht natürlich völlig anders konzipieren, aber inzwischen läuft es ganz prima, im September haben sie Zwischenprüfung. Ich habe mit dem digitalen Fotoapparat angefangen, dann mit Videoschnitt, und zuletzt mit der Videokamera, wobei ich die rein technischen Zusammenhänge stark reduziert habe, es sind ja schliesslich Journalisten.

Kaum war ich hier gelandet, bekam ich über eine Bekannte eine Anfrage für die Übersetzung eines Pressetextes zu einem neuen Kreuzfahrtschiff für eine Werft. Hier gibt es mehrere Internetcafés, so dass die Kommunikation kein Problem ist – die Leitungen sind halt nur etwas langsam, und downloaden kann man so lange Texte nur nach Feierabend.

Dann habe ich mehrere Handbücher für einen deutschen Stammkunden übersetzt und damit mein Konto zuhause auffüllen können, was gerade rechtzeitig passiert ist, damit ich jetzt eine Ladung Solarsysteme bestellen konnte: 50W-Panels, portable Solarlampen und allerlei Kleinteile sowie der Rest meines Hausrats. Wird alles in einem extra dafür gekauften Mercedes-Transporter (der wieder zugeschweisst und nach der Ankunft hier verkauft wird) exportiert von meinem Mann, der mich im Juni hier besucht hat. No risk – no fun !!!

Beim Umzug meiner ganzen Habe hat das prima geklappt – im Gegensatz zu einigen anderen habe ich ausser einer Solarventilatorkappe für die gestrenge Dame von der Zollvisite noch nicht einmal Korruption (hier: "Risoriso") bezahlt ! Mit drei Worten Madagassisch kann man die Leute hier fast um den Finger wickeln, und was vorher unmöglich schien, ist plötzlich machbar.

Zurzeit produziere ich für einen deutsch-madagassischen Verein ein Video über die Zerstörung der Wälder Madagaskars durch Brandrodung – speziell für die Holzkohlenproduktion – und die Notwendigkeit von Solarkochern. In dieser Richtung möchte ich gern mehr machen (Videos über Umweltthemen, Reportagen darüber, wie die Leute hier leben, Natur/Tiervideos usw.).

Mit anderen Worten: Ich habe hier mehr Aufträge als zuhause, und ich habe das Gefühl, mein waghalsiges Unternehmen (Madagaskar ist ja nun nicht gerade das typische Einwandererland...) hat sich bisher mehr als gelohnt.

Zudem habe ich gleich im März bei einer nächtlichen Überlandfahrt von Tana nach Mahajanga in einem Taxi Brousse, meine neue Liebe kennen gelernt, einen Madagassen (der auch noch ausgerechnet Elektriker ist...).

Vielleicht habt Ihr ja irgendwann mal Lust auf eine Fernreise ? Es gibt hier jeden Abend absolut traumhafte Sonnenuntergänge, tagsüber ist der Himmel an 95 % der Tage strahlend blau, die Sonne scheint, die Blumen blühen, man braucht keine Nylonstrumpfhosen, sollte allerdings Reis lieben. Wer gern Fisch isst, kommt hier voll auf seine Kosten – Barracuda, Crevetten, Dorade, Tunfisch und viele Sorten, die ich immer noch nicht kenne, frisch aus dem Meer.

Malariagefährdet ist man hier auch nicht, im Gegensatz zur Ostküste. Um Euch Appetit zu machen, schicke ich ein paar Fotos mit...

Ich hoffe, es geht Euch allen gesundheitlich, beruflich und privat gut und Ihr musstet es bisher noch nicht bereuen, nicht nach Madagaskar ausgewandert zu sein... Euer Daumendrücken nehme ich trotzdem weiterhin gerne an – es stehen ja doch noch einige Risiken ins Haus...

Seid alle miteinander aufs herzlichste gegrüsst

Von Eurer Elfi

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